[Rezension Jule] Maik Siegel – Hinterhofleben

                                    Hinterhofleben

Klappentext:

Was passiert mit einer Hausgemeinschaft, wenn auf einmal statt Mülltrennung Weltpolitik diskutiert wird?
Die Linde im Hinterhof grünt gerade erst, als die Bewohner der Nummer 68 im Prenzlauer Berg entscheiden, dem syrischen Kriegsflüchtling Samih Unterschlupf zu bieten.

Doch mit der Zeit spaltet sich die Hausgemeinschaft in hilfsbereite und um die eigene Sicherheit besorgte Menschen, deren Zentrum die Linde im Hof bildet und als Inbegriff des deutschen Raumes gilt.
Im Hinterhof erlebt sie als stumme Zeugin, das Verhalten und die Gedanken der 68er gegenüber ihrem neuen Nachbarn Samih. Die neuesten Entwicklungen, die er mit sich bringt und die gemeinsamen Entscheidungen der sehr heterogenen Hausgemeinschaft werden im Hinterhof ausgetragen. Bis das letzte Blatt der Linde im Herbst gefallen ist, werden die Bewohner einiges über sich und ihre wahren Absichten offenbart haben.

Maik Siegel hat mit Hinterhofleben ein Buch geschaffen, das ein Gesellschaftsroman im klassischen Sinne ist und aktuelle und gerade hoch brisante Themen behandelt, ohne dabei den Humor zu verlieren. Von den Kriegszuständen in Syrien, den Flüchtlingsströmen zu Land und zu Wasser, der deutschen Willkommenskultur, Homosexualität, Gewalt in Computerspielen, der europäischen Kolonialisierungsgeschichte, kindlicher Abenteuerlust und dem Helfer-Syndrom wird mal mit Ernsthaftigkeit, mal mit Witz und Sarkasmus erzählt. Dabei gibt die Komplexität der Charaktere den gängigen Argumenten in der Flüchtlingsdebatte ein Gesicht, das jenseits von Schwarz- und Weißmalerei liegt.

Erster Satz:

Die Linde gilt vielen als deutscher Baum

Cover & Titel:

Das Cover und der Titel haben mich neugierig gemacht und angesprochen. Es ist etwas trist und grau, was ja aber auch typisch ist für die Großstädte und es passt zur Geschichte. Es ist auf den Punkt gebracht und spiegelt die Geschichte sehr gut. Nur die Eiche fehlt mir.

Meine Erwartungen

Ich wurde angeschrieben dass es eine Blogtour geben würde zu dem Buch, ob ich Interesse hätte mit zu machen. Das Buch wäre vom Inhalt nicht ganz so einfach und es könnte sein, dass es Teilnehmer gibt, die es abbrechen. Ich habe mir die Inhaltsangabe durchgelesen und fand es ganz interessant, wenn auch schwierig. Ich habe zugestimmt. Ich erwartete also ein politisches Buch und war gespannt, wie man das Thema in der heutigen , doch sensiblen Zeit umsetzt. Ich dachte aber, es würde aus Sicht der Linde geschrieben und so war es leider nicht.

Meine Meinung zum Buch

Ich war positiv überrascht und es gäbe keinen Grund das Buch an einer Stelle abzubrechen. Der Autor hat es geschafft das Thema so auszuarbeiten, das der Leser Hintergundwissen erfährt und sich mit dem Thema auseinandersetzten muss, ihm aber keine Meinung aufzwingt. Er hat alle Facetten an Meinungen, Gedanken, Abwägungen und Urteile der Menschen mit eingearbeitet. Es geht natürlich in eine Richtung, das ist klar, ganz neutral wird man dem Thema nicht gegenüber stehen. Deshalb ist es ja auch so sensibel und schwierig. Und Meinungen, Vorurteile usw entstehen ja meist aus Erfahrungen, Unwissenheit, Ängsten. Der Anfang vom Buch, bis man sich an den Stil gewöhnt hatte, war für mich etwas suspekt, auch der Umgang mit den Klischees, aber das zog sich ja in allen Richtungen durch das Buch, wenn auch bestimmte Parteien schon Klischeehaft bedient wurden. Was ich sehr interessant fand, war die Darstellung aus der Sicht des kleinen Jungen, dies fand ich sehr beeindruckend und sympatisch. Inwiefern die politischen Inhalte der Wahrheit entsprechen, kann und möchte ich nicht beurteilen. Geschickt gemacht war von dem Autor auch die Besetzung des Hauses. Von einem eingefleischten Berlin, der auch in diesem Dialekt auftrat, bis suspekter alter Herr der Bücher liebte, über Jude, Moslem, Polin, Studenten, Kinder, Schwule war alles vertreten. Quasi die ganze Bandbreite. Eine gute Kombination bei der Interaktion zu dem Thema um alle Seiten zu der Thematik zu beleuchten. Das Problem der Kommunikation, der Einstellung und des Lebens dort. Die Linde spielte leider nur eine untergeordnete Rolle. Das Ende ist tragisch, in einem Roman hätte ich es mir besser gewünscht. Wenn man die Realität nimmt ist es natürlich leider passend. So viel Streit und Zickerei wie in dieser 68 erlebt man wohl nicht alle tage so offensichtlich, wenn auch typisch für die heutige Zeit.
Ich bin ja niemand, der sich mit dem Thema so wirklich auseinander setzt und es wahrscheinlich auch zu wenig tue. Natürlich habe auch ich meine Meinung und würde, ohne das ich angeschrieben worden wäre, so Bücher nie lesen. Das ist so gar nicht meins sonst. In diesem Falle jedoch, bin ich froh, dass ich es getan habe. Ich schwanke zwischen 3 oder 4 Bücherpunkten und bin mir nicht so richtig schlüssig. Es ist jetzt keine Roman, den ich wieder lesen würde, jedoch hat er überzeugt, allein weil ich ihn gelesen habe und weil er so gut geschrieben war in den Darstellungen. Auf der Bestenliste jedoch würde er keinen Platz finden. Aber das ist wohl auch dem Thema geschuldet.

Zitat:

Das Zitat habe ich aus Absicht gewählt. Dieses mal ist es nicht durch Zufall dieses. So klare Worte findet der Autor nicht oft in diesem Buch. Im Gegenteil. Es spiegelt aber die Aussage aus dem Klappentext am deutlichsten nieder. Auch wenn der Inhalt des Buches sonst nicht so hart klingt. Das Zitat stammt aus einer Unterhaltung zwischen den Bewohnern.

„….Hast du dir mal die Facebook-Kommentare durchgelesen? Da vergeht dir die Lust an der Menschheit. Aber nicht nur wegen der Arschlöcher, die die Flüchtlinge für Schmarotzer und Kakerlaken halten. Diejenigen, die den Flüchtlingen positiv gegenüberstehen, sind in ihrer Sprache genauso verrohrt wie die, die sie beschimpfen, und in ihrer Sichtweise ebenso verstockt wie die, die sie bekämpfen. Zwei Seiten bekriegen sich auf dem Rücken der Flüchtlinge und das Einzige, was in diesen Diskussionen zählt, ist, mit Beleidigungen die moralische Oberhand zu behalten. Kein Abwägen, keine neutrale Betrachtung der Situation. Schwarz und Weiß, mehr gibt es nicht. Ein ´Aber´, einst Ausdruck des denkenden Menschen, ist nicht mehr salonfähig….“

Fazit:

Ein Roman mit einem politisch, sensiblen Inhalt, welcher in dem die ganzen Bandbreite an Meinungen dargestellt ist. Konfliktbehaftet mit tragischem Ende und vielen interessanten Bewohnern. Sehr breitgefächert, er regt zum Nachdenken an, ob man möchte oder nicht. Ich kann dieses Buch empfehlen. Es hat überrascht und ich bin auf die Blogtour gespannt. 

Bewertung:

Leseprobe: hier klicken

Details zum Buch:

Autor: Maik Siegel

Verlag: Divan Verlag 2.Auflage

Genre: Großstadt- Roman

Seiten: 252

Erschienen am: 6.10.2017

ISBN: 978-3-86327-046-9

Preis: 15,90€

ISBN Ebook: B0774W8H7X

Preis Ebook: 8,99€


Und zum Schluss:

Vielen Dank an Beate Boeker für das Vertrauen, dass ich das Buch rezensieren durfte. Es war mir eine Ehre.

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